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Presse

Juli 2010

Die verbotene Stadt

Die Burghartinger sind zurück

Der Tod, die Zeit und das Mädchen: Die verbotene Stadt feiert eine eindrucksvolle Premiere

 

Starke Figuren, starke Bilder. Das Theaterstück Die verbotene Stadt bietet beides und darüber hinaus einen einzigartigen authentischen Schauplatz. Die Bühne steht im Mittelpunkt, eingegrenzt zum einen von zwei Zuschauertribünen, die sich gegenüberliegen. An den zwei anderen Seiten erheben sich die einzigen festen Bühnenelemente: ein Bronzetor als Symbol für das Stift St. Castulus, dahinter ragt der Münsterbau in natura empor. Vis-a-vis ein Holztor, das sowohl den Sitz der Burghartinger repräsentiert als auch die Siedlung. Die Bühne ist Moosburg. Das Gegenüber der Tore ist zugleich das Gegeneinander von weltlichem Herrscher und kirchlichem Herrscher. Beide verbindet das Machtstreben, unterscheiden sich aber in der Gesinnung. Frank Junge mimt Burghart den Älteren, der um die Rückgewinnung seiner Macht kämpft. Mit Räson, nachdenklich agiert er. So beschwichtigt er seinen Sohn (Manuel Scherer) Burghart den Jüngeren. Als sich die Lage für seine Familie zum Guten wendet, badet der Vogt nicht in seinem Triumph, sondern er spürt die Last des Amtes. Der Zuschauer zweifelt nicht daran, denn Frank Junge verleiht diesem Charakter Glaubhaftigkeit. Sein Widerpart Heinrich ist getrieben von Herrschsucht. Uwe Thomsen spielt den Kirchenreformer der die Autorität des Vogtes ablehnt, mit derselben überzeugenden Hingabe wie Junge den Vogt. Heinrichs Handeln wird nicht bestimmt durch Vernunft oder Glaube, sondern durch Fanatismus und Hass. Vielsagend sein erster Auftritt, bei dem er den Stiftsknecht (Markus Ossner) am Kopf gepackt auf die Bühne führt. Er scheut keine Intrigen, verbirgt sein Gesicht schon mal unter der Kapuze. Gestik und Mimik unterstreichen dies in jeder Szene. Auf die Stimme der Vernunft, Stiftsrektor Johannes (Oliver Spilker), mag er nicht hören.
Um die Zusammenhänge quasi in Echtzeit auf der Bühne herzustellen, bedient sich Regisseur Jochen Servatius eines wunderbaren Kniffs. Servatius nimmt die zwei irrealen, aber allgegenwärtigen Figuren Zeit und Tod, die das Geschehen auf der Bühne beobachten und kommentieren. Verena Konietschke als sehr be-wegliche und wissende Zeit und Gernot Ostermann als schelmischer und naiver Tod bereichern das Stück - das ist das wunderbare an dem Kniff. Ihre Funktion ist erläuternd, besonders stark wirken sie als stumme Begleiter der szenischen Handlung. Tod und Zeit bilden den Rahmen um das Stück. Sie schließen einen Pakt... Zu einem Happyend trägt auch Benedikta bei, des Vogtes Enkelin. Keine leichte Rolle für Veronika Beubl, das Gesicht des Festspiels. Benedikta ist ein entscheidender Faktor bei der Lösung des Konflikts, sie singt, beobachtet aber auch stumm. Beubl beherrscht die Mischung aus listiger Machtfrau und trotzigem Mädchen... Die Musik während der Aufführung trägt zur atmosphärischen Dichte ebenso bei wie nach Eintritt der Dämmerung die Beleuchtung. Die Parallelhandlungen auf der Simultanbühne verführen den Zuschauer, seinen Blick wandern zu lassen... Der Zuschauer ist nahe dran am Geschehen und dank der Bühnenaufgänge auf den Tribünen zum Teil mitten drin. Eine lebhafte Inszenierung, die am Ende fast volkstümlich wirkt, als Benedikta und der Sohn des Pfalzgrafen - Alexander Vitzthum verkörpert diese tapsige Figur mit großem Herz, deren Zaudern man gerne beobachtet, sich vermählen. Doch Jochen Servatius führt den Zuschauer noch ein Stückchen weiter. Vogt Burghart durfte feiern. Seinem Gegner widerfährt ein anderes Schicksal... Priester Heinrich findet unter den Trümmern des Stifts seinen Tod oder der Tod und seine Schar ihn. Wehrlos wird er wie ein Glockenschwengel hin und her gestoßen. Kirchengeläut ertönt dazu. Im Tanzschritt wird er in den Orkus hinabgeführt. Das Kreuz am Stiftsportal steht in Flammen. Tod und Zeit stoßen an. Die letzte Szene gebührt den beiden, die an einer gedeckten Tafel Platz nehmen. Die Geschichte wird in Form eines Vier-Gänge-Menüs, in Anlehnung an die Besuche des Vogts in der ihm „verbotenen Stadt", verdaut, die Zeit bekommt Appetit auf den Tod, ein Kuss, Licht aus.
Jochen Servatius und sein Team haben bei der Besetzung der Rollen bis in die Nebenrollen ein gutes Händchen bewiesen. Die Mischung aus erfahrenen Schauspielern und bekannten Moosburgern ist gelungen. Das Publikum bekommt eine flotte Inszenzierung geboten, die mit Ausnahme des Kreuzes in Flammen ohne Effekthascherei auskommt, ein Genuss auch für jene, die nicht allzu sehr an dem geschichtlichen Kontext interessiert sind. Zumal durchaus aktuelle Bezüge vorhanden sind... Die verbotene Stadt ist in vielerlei Hinsicht ein lehrreiches Stück. Das Festspiel ist ein eindrucksvoller Beleg dafür, was möglich ist, wenn Menschen mit Enthusiasmus zu Werke gehen.

Moosburger Zeitung, Juli 2010