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Presse

September 2003

Cymbelin

Luftige Ansätze in einem engen Intrigengeflecht

Das Freisinger Ensemble THEATOUR führt Shakespeares "Cymbelin" im Erdinger Stadttheater auf

 

Erding: Eine Holzbank, ein Leiterwagen und ein Stuhl sind sichtbar. Drei größere Gegenstände auf der karg ausgestatteten Bühne werden von weißen Tüchern verdeckt. Mit diesem Bild beginnt die Aufführung des Shakespeare-Stückes "Cymbelin" in der Version des Ensembles THEATOUR, das jetzt im Stadttheater Premiere hatte. Es gehört zu den selten gespielten Stücken des Engländers, weshalb vielleicht vorsichtshalber in der Pressemitteilung des im Landkreis Freising beheimateten Ensembles lesen war, dass es "verträglich und interessant aufbereitet" worden sei. Woraus sich ableiten ließe, dass diese um 1609 uraufgeführte "Romanze" aus der letzten Schaffensperiode von William Shakespeare in seiner Originalversion eher schwer verdaulich ist. Und diese Annahme ist gar nicht so unberechtigt. Ein komplizierter und mitunter schwer nachvollziehbarer Handlungsablauf schreckt Dramaturgen und Regisseure ab. Doch davon ließen sich Jochen Servatius, der für Dramaturgie und Regie verantwortlich zeichnet, und sein Ensemble nicht beeindrucken. So entstand ein "Cymbelin", in dem die Zahl der Rollen reduziert und die von Uwe Hinrichs gespielte Hauptfigur, der britische König Cymbelin, gar zur stummen Rolle wurde. Getragen wird das Geschehen vor allem von Gerjet Benditz als Diener Pisanio, der nicht nur als Erzähler die Handlung transparent macht, sondern auch das Zünglein an der Waage ist. Denn Cymbelins Tochter Imogen, von Lisa Arleth trotz feuriger Liebe eher kindlich naiv in Szene gesetzt, wird vom fiesen Jachimo auf ihre Treue gegenüber Gemahl Posthumus getestet. Den etwas lethargischen Gatten spielt Christian Christl, Jochen Servatius sorgt als erotomanischer Fiesling hingegen für die besonderen Akzente. Er darf bisweilen die Pfade der ansonsten klassisch gehaltenen Sprache verlassen, legt auch schon mal die Armbrust auf dem Schoß einer Zuschauerin ab und hellt so die vorwiegend düstere Handlung immer wieder auf. Auch sonst sind in Regie und Ausstattung Ansätze vorhanden, aus diesem engen Geflecht aus Intrige, Schlachtenlärm und Ehrenhändel um eheliche Treue und falsche Anschuldigungen eine etwas luftigere Angelegenheit zu machen. So zum Beispiel wenn das Geheimnis der weißen Tücher gelüftet wird und damit die Schauspieler zutage gefördert werden. Wenn Jachimo während der Wette, dass er Imogens moralisches Keuschheitsschloss knacken werde, in einer Badewanne abtaucht und die Hände sprechen lässt. Wenn Nebel wabern und das Bühnenlicht Barbie-Atmosphäre zaubert. Doch leider legt sich Imogen zwar auf eine Drehscheibe zum Schlafen nieder, aber die Chance, dem Voyeur Jachimo Peep-Show-Feeling zu verschaffen, wird vertan. Und eines ist auch nicht ganz geglückt. Die versprochene Verträglichkeit dauert immerhin drei Stunden. Doch wer einmal ohne Angst vor depressionsfördernden Schicksalen Shakespeare genießen möchte, der ist mit dieser Inszenierung bestens bedient. Denn das Happy End macht diesen "Cymbelin" sogar hollywood-tauglich.

Süddeutsche Zeitung, September 2003